Home
Phelsumen
spez. Themen
Interaktiv
IG-Phelsuma
Nachzuchtvermittlung
Verschiedenes





Und es gibt sie doch! - Phelsumen auf Rodrigues
Eindrücke einer herpetologischen Reise


von Jürgen Reuthe (IG-Rundschreiben 1/97)



Allgemeine Informationen:
Die Maskarenen-Insel Rodrigues liegt etwa 650 km nordöstlich von Mauritius vergessen im Indischen Ozean. Mit einer Länge von 18 km und einer max. Breite von 8 km gehört diese nur 104 qkm große Insel zum Staatsgebiet von Mauritius.
Die stark zerklüftete Insel besteht überwiegend aus kargen vulkanischen Hügeln und grünen Tälern. Sie verfügt auch über einige herrliche Sandstrände. Die Hauptinsel wird von weitläufigen Korallenriffen und 17 kleinen Inselchen, die alle unbewohnt sind, umgeben. Der höchste Berg im Landesinneren ist der Mont Limon mit 398m.
Die Landschaft und die Vegetation ähneln der auf Mauritius; allerdings gibt es auf Rodrigues so gut wie keine Zuckerrohrfelder.
Rodrigues hat heute um die 37.000 Einwohner, deren Vorfahren aus Schwarzafrika (größter Bevölkerungsanteil) und Europa stammen. Ihre Umgangssprache ist Kreolisch. Daneben wird noch Französisch und teilweise Englisch gesprochen.

Die Maskarenen-Insel Rodrigues
    Die Bewohner leben unter ärmlichen Bedingungen hauptsächlich von Fischfang, Tierzucht und Landwirtschaft. Im Norden der Insel liegt die Haupt- und Hafenstadt Port Mathurin mit ihren 6.000 Einwohnern. Obwohl hier u.a. kleine Handwerksbetriebe, Geschäfte, Banken, Schulen und ein Krankenhaus vorhanden sind, erinnert die Hauptstadt mehr an ein Dorf.
Zu Mauritius bestehen inzwischen relativ gute Verkehrsverbindungen. Der im Süüdwesten der Insel gelegene Flugplatz Plaine Corail wird zweimal täglich von kleinen Maschinen der Air Mauritius angeflogen; die Flugzeit beträgt ca. 1 1/2 Stunden. Außerdem läuft einmal im Monat ein Schiff aus Mauritius im Hafen von Port Mathurin ein.

Touristisch ist Rodrigues bislang kaum erschlossen. Es gibt lediglich 3 kleinere Hotels und einige Gästehäuser. Von den Straßen und Wegen sind immerhin ca. 100 km asphaltiert, so daß man die meisten Orte auf der Insel einigermaßen gut mit dem Auto oder Omnibus erreichen kann. Anders als auf Mauritius verkehren auf Rodrigues noch keine Taxis. Es besteht jedoch die Möglichkeit, sich einen PKW zu mieten.
Auf Rodrigues herrscht Tropenklima. Fast das ganze Jahr weht ein gleichmäßiger Wind aus Südost (Südostpassat). Es muß täglich mit Regen gerechnet werden. Die Luftfeuchtigkeit beträgt bei trockenem Wetter durchschnittlich 60 bis 70 %. Die "kühlsten" und regenärmsten Monate sind Juni bis Oktober mit Temperaturen von 14 bis 25 Grad C. Im Gegensatz dazu fällt der meiste Niederschlag in den heißen Monaten Dezember bis März mit Durchschnittstemperaturen um die 30 Grad C., in denen auch die gefürchteten Zyklone auftreten können.
Rodrigues war früher mit dichtem Regenwald bedeckt, der in den vergangenen Jahrhunderten aber fast vollständig abgeholzt wurde. Reste des Primärwaldes findet man heute noch in schwer zugänglichen Tälern im Süden der Insel und auf einzelnen Berghängen im Landesinneren. Anfang der Achtziger Jahre wurde damit begonnen, die Insel wieder mit Bäumen zu bepflanzen; die ersten Erfolge dieser Wiederaufforstungsmaßnahmen sind inzwischen sichtbar.
Mit den Regenwäldern sind leider auch die beiden früher auf Rodrigues und den umliegenden Inseln lebenden Phelsumen-Arten verschwunden: Phelsuma gigas (Liénard, 1842) und Phelsuma edwardnewtoni (Boulenger, 1884). Die dämmerungs-/nachtaktive und düster gräulich gefärbte P. gigas erreichte eine Gesamtlänge von bis zu 54 cm; lebende Exemplare dieses Riesengeckos wurden zuletzt 1841/42 auf der vor der Südwestküste gelegenen Insel Ile Frégate gefunden. Dagegen war die bis zu 20 cm lang werdende P. edwardnewtoni tagaktiv und wies eine blaugrüne Grundfärbung auf. Dieser Gecko ist das letzte Mal im Jahre 1917 auf Rodrigues - der genaue Fundort ist nicht bekannt - gesehen worden. Nach mehreren ergebnislosen Expeditionen in den vergangenen Jahrzehnten gelten beide Arten heute als ausgestorben (vgl. Vinson & Vinson, 1969).

Reiseeindrücke:
Nachdem meine Frau und ich bereits in den Jahren 1992 und 1995 von Mauritius aus jeweils viertägige Kurzausflüge nach Rodrigues unternommen hatten, entschlossen wir uns im Frühjahr 1996, die Insel erneut zu besuchen. Diesmal sollte die Reise aber 14 Tage dauern, um die Reptilienfauna auf Rodrigues intensiver untersuchen zu können. Da in den letzten Jahren des öfteren über die Wiederentdeckung von irgendwelchen Reptilien berichtet wird, hofften wir natürlich, mit ein wenig Glück vielleicht P. edwardnewtoni zu finden.
Als Urlaubsunterkunft buchten wir in unserem Reisebüro das komfortabel ausgestattete und wirklich empfehlenswerte Cotton Bay Hotel an der Nordostküste, das an einem der schönsten Strände von Rodrigues liegt.
Am Samstag, dem 15. Juni, war es dann endlich soweit. Wir starteten mit der Air Mauritius vom Flughafen in Frankfurt. Nach mehrstündigen Zwischenstopps auf Mahé und Mauritius ging es dann mit einer kleinen zweimotorigen Maschine weiter nach Rodrigues. Im Flugzeug lernten wir zwei Engländer und einen Franzosen kennen, die im Auftrage des WWF unterwegs waren. Sie erzählten uns, daß sie gemeinsam mit vier anderen WWF-Mitarbeitern in den kommenden Jahren systematisch die Fauna und Flora in den bislang unerforschten Schluchten und Bergwäldern auf Rodrigues untersuchen wollen. Ihr Hauptaugenmerk gelte der Pflanzenwelt. Gleichwohl habe sie Carl Jones - ein Biologe des WWF auf Mauritius - gebeten auch nach Phelsumen Ausschau zu halten. Außerdem hätten sie sich persönlich zum Ziel gesetzt, eine bunte bis zu 15 cm lang werdende Nacktschnecke zu suchen. Diese sei seit vielen Jahren nicht mehr beobachtet worden und möglicherweise ausgestorben.

Etwa 28 Stunden nach unserem Reiseantritt in Deutschland erreichten wir abends "frisch" und "munter" das Cotton Bay Hotel. Bevor wir jedoch zum langersehnten Schlafen kamen, mußten wir auf Drängen des Personals zunächst noch das sonntägliche 7-Gänge-Menü und das dazugehörende musikalische Rahmenprogramm (traditionelle Sega-Tänze) genießen. In der Nähe der Außenlampen erblickten wir bereits die ersten graubraunen Nachtgeckos auf der Jagd nach Insekten. Es handelte sich um den Pazifikgecko (Gehyra mutilata) und den Tschikschak (Hemidactylus frenatus), die beide echte Kulturfolger sind.
Am nächsten Morgen erkundeten wir bei herrlichem Wetter mit Temperaturen um die 25 Grad C zunächst einmal die nähere Umgebung. Direkt hinter dem Hotel begann schon der Anstieg zu dem nicht sehr hohen Berg Mont au Sel. Das Landschaftsbild in dieser Gegend ist ziemlich eintönig, da es nur dunkle Basaltfelsen, verdorrtes Gras, Steinfelder und vereinzelt Schraubenpalmen (Pandanus) zu sehen gibt. Unter einem Felsbrocken fanden wir dann mehrere Schuppenfingergeckos (Lepidodactylus lugubris).
   
Biotopausschnitt aus dem Tal des River Mourouk

Sie erreichen eine Gesamtlänge von bis zu 10 cm und sind über die gesamte Insel verbreitet. Die Grundfärbung dieses Geckos ist auf Rodrigues sehr variabel und reicht von Gelbbraun bis Schwarzbraun. In den kommenden Tagen konnten wir beobachten, daß L. lugubris seine Farbe hervorragend der Umgebung anpassen kann. Bemerkenswert war auch, daß dieser eigentlich dämmerungs- und nachtaktive Gecko gelegentlich sogar in der Mittagszeit ein Sonnenbad nahm.

Auf dem Weg zum Mont au Sel begegneten wir noch einigen schwarzrosa gefleckten Hausschweinen, wilden Ziegen und Rindern, die wie überall auf der Insel frei umherliefen. Dabei hatten wir auch ein unangenehmes Erlebnis. Hinter einem Berghügel kamen plötzlich drei Jungbullen auf uns zugerast, was an dem roten T-Shirt meiner Frau gelegen haben könnte. Zum Glück stoppten sie jedoch wenige Meter vor uns ab und schauten uns nur neugierig an.
Nach diesem aufregenden Ausflug kehrten wir wieder zum Hotel zurück, um für die nächsten Tage ein Auto zu mieten. In diesem Zusammenhang machten wir die Erfahrung, daß ein Mietwagen auf Rodrigues relativ teuer ist. Letztlich griffen wir auf ein Angebot des in Fort Mathurin ansässigen Unternehmens Rod-Tours zu, das uns einen großen Jeep mit Fahrer zu einem günstigen Spezialpreis (rd. 85 DM pro Tag) offerierte. Der immer gutgelaunte einheimische Fahrer Francois erwies sich als wahrer Glücksfall, da er für uns in den nächsten Tagen auch zu einem wertvollen Begleiter und Dolmetscher wurde.
Für die Suche nach P. edwardnewtoni hatten wir uns im Vorfeld einen besonderen Plan überlegt. Wir wollten möglichst vielen Einheimischen ein Album mit verschiedenen Phelsumen-Fotos zeigen. Dabei hofften wir, auf jemanden zu stoßen, der schon eine bunte Echse auf der Insel gesehen hat.
In den nächsten Tagen setzten wir mit Hilfe von Francois unseren Plan in die Tat um. Wir befragten fast jeden, den wir am Straßenrand trafen. Die etwas menschenscheuen lnselbewohner zeigten sich alle freundlich und hilfsbereit. Viele der Befragten mußten erst einmal herzhaft lachen und hielten uns sicherlich für leicht verrückt. Die meisten von ihnen konnten uns jedoch eine Stelle nennen, an der sie oder ein Verwandter angeblich eine "bunte" Echse beobachtet hatten. Auf diese Weise lernten wir schon in kurzer Zeit die gesamte Insel kennen, wobei auch unser Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung von Tag zu Tag stieg. Da die Straßen weiträumig die Berge und Täler umgehen und hierdurch den Weg verlängern, erschien uns die Insel viel größer, als sie in Wirklichkeit ist.